Selbstqualifizierung durch Scheitern

Self-qualification through failure

  • In der qualitativen Sozialforschung wurden 11 Grundschullehrerinnen über ihr berufliches Scheitern befragt. Auf der theoretischen Annahme des Konstruktivismus wurde davon ausgegangen, dass sich selbstqualifizierende Lernprozesse ergäben könnten. Durchgehend konnte festgestellt werden, dass das Scheitern eine Kompetenzreduktion auf bestimmte anwendbare Lehreraufgaben zur Folge hatte.Die Lehrer behielten im Anschluss an das Scheitern das Belehren der Klasse, das Erziehen als Disziplinieren und das Beurteilen als Selektieren, sowie das Beraten als Informieren bei.Aufgaben die reduziert wurden, waren das Erziehen als Stärken, das Diagnostizieren als Fördern, das Beraten als Dialog und das Innovieren.Kommt man zu der Auffassung, dass bei den Befragten massive Kompetenzdefizite vorlagen, scheiterten die Lehrer in der Situation, weil sie vermutlich mit der Komplexität der Aufgaben überfordert waren. Entsprechend dieser Schlussfolgerungen müssten Lehrer noch intensiver ausgebildet werden. Kommt man stattdessen zu der Auffassung, dass es nicht an den konkreten Defiziten der Befragten gelegen hat, sondern an den systemischen Bedingungen, dann zeigt das Scheitern eine Kompetenzstörung an, was besagen würde, dass das System Schule diverse Vorgehensweisen blockiert und andere funktional stabilisiert. Das würde bedeuten, dass die Schule als System ihren eigenen Selbsterhalt, ihre Autopoiesis, immer wieder herstellt und Handlungen vernachlässigt, die nicht zur Kernaufgabe gehören. Die Lehrer hätten damit durch das Scheitern erlebt, was ihre obligatorischen Kernaufgaben sind, die das System Schule ihnen als zulässig zukommen lässt. Damit hätten sie mitunter auf schmerzliche Weise erfahren, was sie außerhalb aller berechtigten oder unberechtigten Ansprüche und politischen Programme an interaktiven pädagogischen Aufgaben zu kontrollieren, zu steuern und zu leisten im Stande sind. Ein sisyphosartiger Handlungsdruck, gleichsam von der Idee durchdrungen, jedwede gesellschaftlichen Defizite bearbeiten zu müssen und zu wissen, dass dies nie gelingt, entfiele.
  • In the field of qualitative social research 11 primary school teachers were questioned on the topic of their failures at work. On the basis of Constructivism it was assumed that self-qualifying learning processes might follow. A general result was that failure led to a competence reduction to certain practical teachers’ functions: Even after failing the teachers retained lecturing their classes, and they stuck to - educating by disciplining, - making judgements by selecting, - and advising by informing. The following functions were reduced: - educating by strengthening, - diagnosing by encouraging, - advising as a dialogue, - and innovating. If we assume that all those questioned had serious competence deficiencies, the teachers probably failed because the complexity of their duties demanded too much of them.If we assume instead that the failures were caused by the systemic conditions rather than by specific deficiencies of those questioned, the failures indicate competence interference. This would mean that the system “school” blocks certain types of behaviour whereas it stabilizes others. It consistently re-establishes its self-preservation, its Autopoiesis, but neglects those actions that don’t belong to its central duties. By failing the teachers would have learned which their obligatory duties are, imposed on them by the system “school”. They would have experienced in a sometimes painful manner what kind of interactive educational duties they are able to control and to fulfil – far away from all demands and political programmes, however reasonable they may be. They would be relieved of a considerable pressure, of the idea to have to cope with all kinds of social deficiencies, knowing at the same time that they will never succeed.

Download full text files

Export metadata

  • Export Bibtex
  • Export RIS

Additional Services

Share in Twitter Search Google Scholar
Metadaten
Author:Thomas Bürger
URN:urn:nbn:de:bsz:93-opus-21995
Advisor:Karl Zenke
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Publishing Institution:Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Granting Institution:Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften
Date of final exam:2004/12/06
Release Date:2005/02/21
Year of Completion:2004
Tag:Kompetenzdefizit; Kompetenzstörung; Selbstqualifizierung
Qualitative social research; competence deficiency; competence interference; professionalization; self-education
GND Keyword:Kompetenztheorie; Professionalisierung; Qualifizierungsprozess; Qualitative Sozialforschung
To order the print edition:117300454
Faculties:Fakultät für Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften / Institut für Erziehungswissenschaft
Dewey Decimal Classification:300 Sozialwissenschaften / 370 Bildung und Erziehung / 370 Bildung und Erziehung
Licence (German):License LogoVeröffentlichungsvertrag ohne Print-on-Demand

$Rev: 12793 $